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Gemeinsame Protesterklärung
der unterzeichnenden Kassenarztpraxen aus Luckau, Golßen, Walddrehna, Görlsdorf, Schönwalde, Petkus und Dahme an die Kassenärztliche Vereinigung Brandenburg vom 28.11.2005
Wir ambulant tätigen Ärzte protestieren mit folgender Widerspiegelung unserer aktuellen beruflichen Situation grundsätzlich gegen den EBM 2000 plus und den neuen HVV, die einen Notstand der ambulanten medizinischen Versorgung heraufbeschwören.
1. Die beruflichen Fakten unserer Region:
-Steigender Zeitaufwand für einen unaufhörlichen Erklärungsbedarf gegenüber den Patienten über Praxisgebühr, Hausarztverträge, DMP-Verträge, gemacht und gewollt von Krankenversicherern und Politik.
-Eine de facto immer älter werdende Patientenklientel mit Zunahme an chronischen Erkrankungen bis zur Multimorbidität, mehr Zeitaufwand für deren komplexe Betreuung, flächenhafteren Einsatzes des Arztes für Hausbesuche bei immobilen Menschen und hoher Pflegebetreuung, teilweise infolge Ausverlagerung komplizierter technikbegleitender Krankheitszustände aus den Kliniken in den ambulanten Sektor.
-Steigender zeitlicher und persönlicher Einsatz bei einer zunehmend psychisch kranken, zunehmend psychosomatisierenden Patientenschaft mit Stimmung und Motivation auf dem Nullpunkt.
-Steigender Aufklärungs- und Erörterungsbedarf für die eigentliche Vorsorge, Diagnostik und Therapie, deren dringend benötigte Zeit allerdings erst recht nicht mehr zur Verfügung steht.
-Steigende Kosten vom Aspekt der betrieblichen Unterhaltung einer Praxis (Energie etc.)
-Steigende Kosten für Kommunikation, technische Ausstattung und Material, um von den Krankenversicherungen/KV aufgebürdeten vertraglichen Belangen gerecht zu werden.
-zusätzlich steigende Patientenzahlen bei bereits sinkender Arztdichte durch nicht mögliche Neubesetzung verwaister Arztpraxen.
2. Demgegenüber stehen:
-Nötigung zu bürokratischem Massenaufwand, einfach abgewälzt auf die Ärzte und Praxismitarbeiter. Es bleibt eine überbordende dekompensierende Bürokratie.
-Reglementierung der ärztlichen Tätigkeit durch Politik und Versicherer sowohl mit gegenläufiger Fallzahlgrenze pro Arzt, gegenläufigem Punktzahlgrenzvolumen, gegenläufiger Zeitbegrenzung, gegenläufiger finanzieller Budgetierung von Mitteln für ärztliche Verordnungen bei höherem Bedarf.
-Verteuerung der Medizin durch zwanghafte Einsparvorschriften, fachliche Entmündigung des eigentlichen Verantwortungsträgers, dem Arzt.
-Real sinkender Umsatz einer Arztpraxis.
-Seit Jahren unveränderte Wegegebühr
-Finanzieller Zwang der Ärzte zu zusätzlicher vertraglicher Bindung an Versicherer.
-Bedrohung eines definitionsgemäß freien und unabhängigen Arztberufes und Mutation zu einem Instrument der Versicherer für ihre „Mitglieder", durch Politik, Kassen, Standesvertretungen und Ärzteverbände.
3. Die Folgen:
-Selbst bei höchster ärztlicher Motivation zur Betreuung seiner Patienten und Verzicht auf persönliches Einkommen, droht der Kollaps in der Praxis und damit in der ambulanten Versorgung.
-Physische und psychische Dekompensation von Ärzten und Helferinnen.
-Bedrohliche Zunahme des Erkrankungsrisikos der Menschen trotz moderner Diagnostik- und Therapieoptionen zu, am Ende auch der Kosten für die Gesellschaft.
-Sinkender realer ärztlicher Nachwuchs für die ambulante Versorgung
-Krankenhauszentrierung, die bewiesenermaßen die Behandlungen verteuert.
-Vernachlässigung insbesondere der ländlichen Bevölkerung, faktisch damit auch Missachtung der Rechte der Menschen.
-Vertrauensverlust der Patienten gegenüber den Ärzten.
-Verlust eines freien Berufsstandes und seines Ansehens unter den Menschen.
-Monopolisierung der Entscheidungsgewalt in der Behandlungsweise der Patienten zugunsten der Kostenträgerverwaltungen.
4. Unsere Forderungen:
-Ausreichende Mittelbereitstellung für die Realisierung von Untersuchungen und Therapien.
-Mobilisierung der beitragszahlenden Versicherten gegen ihre eigene Entmündigung und für eine ausreichende Therapiefreiheit ihres Arztes.
-Adäquate finanzielle Honorierung der ambulanten Arbeit mit ausreichender Kostenerstattung des persönlichen und materiellen Mehraufwandes hierzulande durch Zugrundelegen realer Vergleichsmaßstäbe, insbesondere eine gerechtere Verteilung unter den verschiedenen Fachgebieten.
-Investition in den erforderlichen Nachwuchs für die ambulante Medizin.
-Berücksichtigung des o. g. Mehraufwandes bei der Legislative von Normen der RLV, HVV, PZGV oder am besten jedoch gleich deren Abschaffung.
-Rückgabe aller Rechte der ärztlichen Selbstverwaltung an diese und politische Einflussnahme auf die eigentliche Aufgabe der Kostenträgerverwaltungen, nämlich die Beiträge ihrer Versicherten gewissenhaft zu verwalten und für deren Behandlung auch adäquat weiterzugeben.
WIR FORDERN DIE EINBERUFUNG VON REGELMÄSSIGEN ÖFFENTLICHEN DISKUSSIONS-UND ENTSCHEIDUNGSFOREN DURCH DIE ÄRZTEUNION BRANDENBURG UNABHÄNGIG VON DER KVBB UNTER EINBEZIEHUNG VON VERTRETERN DER POLITIK, DER KASSENVERBÄNDE, DER KVBB, DER ÄRZTLICHEN FACHGRUPPEN UND DER PATIENTEN ZUR BEGEGNUNG DEM NOTSTAND IN DER AMBULANTEN MEDIZINISCHEN VERSORGUNG!!!
5. Grundsätzlich protestieren wir gegen
-die zunehmenden finanziellen und politischen Verwerfungen in der ambulanten medizinischen Versorgung!
-gegen die systematische Vernichtung eines freien Arztberufes!
-gegen die überbordende Bürokratie!
-gegen den Entzug von finanziellen Mitteln aus dem ambulanten Bereich für eher schädigende Strukturmaßnahmen wie zum Beispiel Hausarztverträge, die den Praxen zusätzliche Kosten und Zeitaufwand aufbürden!
-gegen eine Spaltung der unterschiedlichen Fachgruppen durch Vertragssysteme und verzerrte Honoraransätze!
-gegen den EBM 2000 plus und gegen den neuen HVV, insbesondere gegen die teils drastische Abwertung der Praxisarbeit ab dem 11. Quartal 2005 und gegen den mangelnden Ausgleich der Hartz-IV-Reform, so dass die kalkulierte Grundlage von 5,11 Eurocent ad absurdum geführt wurde!
-gegen das Aussterben von Arztpraxen und des medizinischen Nachwuchses mit Opferung einer adäquaten ambulanten medizinischen Versorgung!
-gegen eine zu hohe Verwaltungskostenumlage von 3,5 % des Bruttoumsatzes einer Praxis an die KVBB mit Rechtfertigung durch eine Körperschaft öffentlichen Rechts mit öffentlich tariflichen Gehaltsanspruch ihrer Mitarbeiter, während Praxismitarbeiter zumeist weit davon entfernt sind!
Verteiler
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14469 Potsdam Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Familie
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