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Interview Dr. Hessel

„Nur mit einer Hausmacht im Rücken können wir auch etwas bewegen, verändern!“

Aktuell im Gespräch mit Dr. med. Werner Hessel, stellvertretender Vorsitzender der Ärzte-Union Brandenburg
21.10.2003

Herr Dr. Hessel, was tut sich in der Ärzte-Union Brandenburg?

Seit der Gründung hat es viele einzelne Kontakte mit Kollegen gegeben, um Sinn und Zweck der Ärzteunion zu erklären und – das ist ja jetzt besonders wichtig – Mitglieder zu werben. Wir haben auch erste Kontakte zu anderen Verbänden und Verbünden, wie Medi-Berlin, Ärzte-Union Bayern u.a. geknüpft.

Sie sprechen im Plural. Hat sich der neue Vorstand gefunden?

Gleich nach der Gründung der Ärzte-Union begann ja die Sommerpause und alle Mitglieder des Vorstandes hatten auch ihre Urlaube geplant, so dass wir einige Zeit verloren haben. Nun jedoch hat die erste Vorstandssitzung stattgefunden und wir haben die Aufgaben verteilt. Beispielsweise, wer für welche Regionen in Brandenburg „zuständig“ ist (Kollege Köhler und ich z.B. für den Osten und Nordosten), wer mit welchen ähnlichen Organisationen und politischen Strukturen Verbindungen aufbauen wird. Zugleich geht es natürlich um interne Sachaufgaben, wie sie jeder Verein lösen muss: Mitgliederverwaltung, Finanzen, Telefon, Fax und dergleichen.

Nach meinen Informationen haben rund 350 Vertragsärzte ihre Mitgliedschaft angemeldet. Entspricht diese Zahl Ihren Vorstellungen?

Natürlich noch nicht. Das formale Weiterbestehen der KV hat offensichtlich viele Kollegen zu dem Trugschluss verleitet, es bliebe alles beim Alten; und so brauche man die Ärzte-Union nun nicht mehr. Das jedoch ist ein großer Trugschluss!

Wieso?

Sehen wir uns doch nur einmal das an, was uns, der Vertragsärzteschaft, die sogenannten Reformvorhaben der Regierung bringen: Immer mehr Bürokratie, immer weniger wirkliche ärztliche Selbstverwaltung, immer mehr Reglementierung und ein immer stärkeres Hineinreden, Hineindirigieren in rein ärztliche Belange. Stichwort Leitlinien, Budgetvorgaben, Finanzzwänge. All diesen Reglementierungen können wir letztlich nur dann erfolgreich begegnen, wenn wir eine Hausmacht im Rücken haben, also viele Mitglieder.

Wie sollen weitere Mitglieder geworben werden?

Wir wollen stärker das direkte Gespräch mit den Kolleginnen und Kollegen suchen, wollen an die Stammtische, in die Regionen, wollen verstärkt informieren, aufklären. Allein das Verschicken von Anmeldeformularen hilft uns nicht wirklich weiter.

Ist das alles realistisch?

Sie meinen, ob wir das zeitlich alles unter einen Hut bringen? Sicher wird das sehr schwer. Aber wir haben keine Alternative dazu. Also werden wir es tun. Und je schneller wir viele Kollegen gewinnen, desto einfacher wird es, auch die anderen zu überzeugen.

Keine leichte Aufgabe ...

... stimmt. Doch die Ärzte-Union ist ja kein Selbstzweck. Der Solidaritätsgedanke, der ja in dem Wort „Union“ steckt, ist doch heute wichtiger denn je! Was macht denn die Gesetzgebung? Sie legt es geradezu darauf an, die Ärzteschaft zu spalten! Erst waren es die Fachärzte, die aus der KV herausgelöst werden sollten. Jetzt sind auch die Hausärzte dran. Hier soll eine Rosinenpickerei durch die Kassen vorangetrieben werden, in deren Ergebnis viele von uns auf der Strecke bleiben werden. Ich glaube, das haben sehr viele Kollegen noch gar nicht begriffen!

Die zentrale Frage ist ja immer: Was bringt dem Einzelnen die Mitgliedschaft in der Ärzte-Union Brandenburg? Wie fällt Ihre Antwort aus?

Zu allererst eine klare Interessenvertretung. Die Ärzte-Union muss nicht auf irgendeinen Status – wie die KV als Körperschaft des öffentlichen Rechts – Rücksicht nehmen. Das halte ich angesichts der ansonsten immer stärker werdenden Reglementierungen für enorm wichtig. Wir können zu Kampfmaßnahmen aufrufen, solche organisieren, können ohne Vorbehalte die Patienten aufklären. Die Ärzte-Union kann eine Art von Genossenschaft sein, wobei die Medi-Verbünde hierfür als Anhaltspunkt dienen mögen.

Sie sagen: Kann.

Wir sind ja auch noch in der Diskussion. Aber wir wissen natürlich, dass wir neben der berufspolitischen Interessenvertretung auch noch ganz praktikable Dinge anbieten müssen. Also beispielsweise Vorteile beim Kauf bestimmter Dinge, Beratungstätigkeiten usw.

Wie wird sich die Ärzte-Union Brandenburg in die aktuelle, sehr kontrovers diskutierte Auseinandersetzung um die Gesundheitsreform einbringen?

Das geschieht einmal an den Stammtischen, weiterhin in Pressemitteilungen zu ausgewählten Themen, durch ihre Mitglieder in den jeweiligen Gremien, wo z.B. der Vorstand mitwirkt (KVBB, GFB, Hartmannbund, Landesärztekammer), aber auch durch Leserbriefe in den regionalen Zeitungen.

Neue Strukturen ziehen meist auch konkrete Verwaltungsaufgaben nach sich.

Das ist ganz normal. Wenn der Vorstand alles selbst organisieren sollte, wären wir heillos überfordert oder müssten unsere Praxen schließen. Deshalb werden wir in der jetzigen Anlaufphase auf die KVBB zurückgreifen. Dabei wird jede Leistung von der Ärzte-Union an die KV bezahlt! Eine Vermischung mit KV-Strukturen kommt also definitiv nicht in Frage!

Lassen Sie uns bitte einen Blick über Ländergrenzen werfen; bundesweit hat sich jetzt ein Medi-Dachverband gegründet. Was halten Sie davon?

IIch war zu dieser Gründungsversammlung Anfang September eingeladen. Leider konnte von uns aber niemand teilnehmen. Das ist umso bedauerlicher, weil wir sicher für uns Anregungen hätten mitnehmen können.

Eine verpasste Chance?

So sehe ich das nicht. Ich hatte anfangs darauf hingewiesen, dass wir mit anderen, ähnlichen Strukturen im Gespräch sind.

Doch noch einmal zurück zu meiner Frage: Was halten Sie von einem bundesweiten Medi-Dachverband?

Es handelt sich um Kooperationsstrukturen, die geschlossen mit bestimmten Qualitätsmerkmalen als Anbieter auftreten wollen und dabei z.B. ihre Mitglieder verpflichten, keine Einzelverträge abzuschließen. Ob dies letztlich so, in dieser Form sehr günstig ist – darüber kann ich mir im Moment kein Urteil erlauben.

Herr Dr. Hessel, vielen Dank für dieses Gespräch.

Gefragt und notiert von Ralf Herre

 

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